Projektwoche Glashütte
Ein ganz normaler Klassenraum. Ungefähr 30
Schüler drängeln sich vor die hastig zusammengeschobenen Bänke
und hochgestellten Stühle. Eine dichte Traube steckt neugierig
ihre Köpfe durch die offene Tür. Beim Betreten schlägt
einem ein ohrenbetäubender Lärm entgegen. Alle erzählen,
der eine tritt sein Bein hoch in die Luft und jauchzt, wie Bruce Lee.
Zwei schubsen sich durchs Zimmer, einer fällt und brüllt.
Alles ist in Bewegung. Jedes Jahr führt die Mittelschule in Glashütte
einen Projekttag durch – doch so etwas haben die Schüler
noch nicht erlebt.
Diesmal werden sie auf den Umgang mit Konfliktsituationen vorbereitet.
„Unsere Kinder sind oft typische Opfer“ weiß Lehrerin
Anja Huth. Der Projektunterricht soll ihnen helfen, selbstbewusster
aufzutreten und sich in gefährlichen Situationen – ob nun
als Opfer oder Beobachter-richtig zu verhalten. Wichtig ist eine angemessene
Beziehung zu Gewalt. Und wenn es doch hart auf hart kommt, hilft nur
eins: Selbstverteidigung.
Durch den Ortsansässigen Jugendverein Pro Jugend e.V. wurde die
Schule auf Nug Mui aufmerksam. Der raue Umgangston der Schüler
war auch für Sihing Rico Thümmel gewöhnungsbedürftig.
Der Assistent demonstrierte schon vor anderen Schulklassen, der Wochenkurier
berichtet sechsspaltig auf der Titelseite. Doch als die „Großklappen“
zur Demonstration gebeten werden, zieht Ruhe ein.
„Der Nug Mui Reflex ist schneller als eine normale Reaktion“
doziert Sifu Jörg Eckstein. Schnell finden sich freiwillige zum
Ausprobieren, Lehrer fotografieren, machen mit und bestätigen den
überlegenen Reflex. Doch dann wird geübt: Wendungen, Fauststöße,
Anschubsen und Clinch – die meisten sind begeistert. „Die
beste Belohnung meiner Arbeit sind strahlende Kinderaugen“ freut
sich der Kampfkunstlehrer Eckstein über die Lernbereitschaft.

Schon geht´s mit Theorie weiter: „In der Selbstverteidigung
geht es um die richtige Distanz, Körperhaltung und schnelles Reagieren“
betont Sifu Jörg Eckstein. Erst wenn man die Psychologie des Angreifers
kennt, vor jeder handfesten Auseinandersetzung gibt es ein Vorgeplänkel,
die „Anmache“, kann man richtig reagieren. Nämlich
mit der richtigen Körpersprache. Anja Huth weiß: „Man
muss mit lauter und fester Stimme Nein sagen, sicher auftreten, mit
aufrechter Haltung dem Angreifer gegenüber stehen, etwas Unerwartetes
tun oder sich an Umstehende durch direkte Ansprache um Hilfe wenden.“
Das dies zu üben Spaß macht merkt man nicht nur am Beifall
zum Schluss der Stunde. Unzählige Fragen prasseln auf den Leiter
ein, so will Rene wissen „Wie eigentlich richtig mit dem Ellenbogen
geschlagen wird?“ Und dann kommt die nächste Klasse dran.
Die einhellige Meinung aller: Eine Stunde ist zu wenig.
Nach dem Ansturm bat die Schule zusammen mit der örtlichen AWO
um eine feste Arbeitsgemeinschaft Nug Mui. Sie wurde realisiert. Wer
nun Dienstags an der Schule vorbeiläuft hört außer Kommandos
und Kampfgeräuschen nur das konzentrierte Üben der Schüler
aus der Glashütter Turnhalle.
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