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Interview - "Nug Mui liegt mir im Blut"
Seit 5 Jahren trainiert Jochen Weiß in der Kampfschule Dippoldiswalde Nug Mui.
Er nimmt dafür gerne eine Anfahrt von bisweilen einer Stunde in Kauf. Er weiß
warum und wir wollten mehr erfahren. Wir sprachen mit ihm über seine Anfänge,
seine Arbeit bei der Bundespolizei und inwieweit ihn die letzten Jahre verändert
haben.
Gemeinhin sieht man ja den Bundesgrenzschutz nur wenn wieder einmal ein großes
Fußballspiel in der Stadt angesagt ist oder es ab in den grenzüberschreitenden
Sommerurlaub geht. Du bist an der sächsisch-böhmischen Grenze stationiert.
Wie können wir uns deine Arbeit dort vorstellen?
Als Grenzschützer liegt meine Hauptaufgabe bei der Grenzkontrolle.
Schon vor aber besonders seit der EU-Osterweiterung und dem Einstellen der Rollenden
Landstrasse haben wir mit einer LKW-Transitschwemme von über 1800 Laster pro Tag zu
kämpfen. Das ist ist eine Riesenmenge.
Ja, auch die Anwohner sind von den endlosen Lkw-Kolonnen, vom Lärm und Dreck genervt.
Viele sprechen vom LKW-Terror und haben gehörig Wut im Bauch. Die unzähligen Brummis
sind aber nicht Eure einzigen Sorgen?
Nein natürlich nicht. Wir sind viel auf Streife unterwegs. Da haben wir
es immer mehr mit dem Problem der illegalen Migration zu tun. Die grüne Grenze in Zinnwald
zieht einen ganz besonderen Menschenschlag magisch an.
Was für Menschen meinst Du?
Ich denke da an einen bestimmten Menschenschlag. Der Schmuggel von gefälschten Markenzigaretten ist ein Bombengeschäft. Es existiert ein Geflecht
aus Drogen, Menschenhandel und Prostitution. Das Schlimme ist, dass diese Leute zumeist
organisiert sind und glauben zu wissen wo und wann sie den Grenzübertritt wagen
können.
Ausgedehnte Wälder, weite Wiesen, die unberührte Natur. Die grüne Grenze ist ca. 30 km lang. Besteht da überhaupt die Chance einen
Zigarettenschmuggler zu erwischen?
Oh ja. Man darf nicht vergessen: wir sind vorbereitet. Wir sind optimal
ausgestattet. Nachtsichtgeräte, modernste Kommunikation und körperlich topfit. Seit
der EU-Osterweiterung arbeiten wir noch besser mit unseren tschechischen Kollegen zusammen.
Aber auch die andere Seite ist nicht zu unterschätzen. Bei denen geht’s um die Wurst.
Die wissen ganz genau, was passiert, wenn wir einen von Ihnen erwischen. Für einen
Schmuggler heißt es alles oder nichts. Da müssen wir schon manchmal die
Samthandschuhe ausziehen.
Hattest du schon einmal richtig Angst um dein eigenes Leben?
Also Angst, nein, überhaupt nicht. Ich denke, dass wir Grenzer in der
Lage sein sollten, mit unseren Gefühlen umzugehen. Angst kann man sich in dem Beruf nicht
erlauben. Aber nach einem schwierigen Einsatz, da kommen schon manchmal die Gedanken …
Kannst du dich an so einen Einsatz erinnern?
Ja, wir hatten einmal n´ ziemliches Kraftpaket bei uns. So ein riesiger Typ.
Stiernacken und Popeye Unterarme. Der muss irgendwas gemacht haben – vielleicht ein
Straßenschläger. Zumindest war er verdammt schnell. Es stellte sich raus, dass es sich um
einen tschechischen Schleußer handelte. Der hatte was zu verlieren. Ne ganz große
Nummer.
Ja, und was passierte weiter mit ihm?
Eigentlich die tägliche Routine. Wir wollten ihn ganz normal durchsuchen,
da hat er schon Probleme gemacht. Drei Beamte haben ihn dann festgehalten. Doch plötzlich
hat der Typ sich losgerissen. Und ist auf uns losgegangen. Mann, der wollte aus dem ganzen
Zollhäuschen Kleinholz machen. Einem Kollegen hat er die Rippe angebrochen. Mir wollte
er eine ins Gesicht geben. Da habe ich Nug Muimässig die Hände hochgerissen.
Das war mein Glück. Irgendwie hab ich es abgewehrt. Eine Faustkombi und ein Kick – dann
wurde er ruhiger. Und wir konnten ihn durchsuchen.
Das ging ja noch mal gut. Das hätte bestimmt auch anders enden können.
Genau, auf den Ernstfall versucht man sich immer vorzubereiten. Das macht das
häufige Nug Mui Training. Aber Ernstfall bleibt Ernstfall.
Du machst schon länger Kampfsport. Wann hast du damit angefangen?
Eigentlich schon sehr früh. Ich war 8 Jahre alt. Mein Vater war Boxer, mein Onkel
Freistilringer.
... und während andere Familien gemütlich ums Osternest herumgesessen sind habt ihr geboxt und
gehebelt ...
So ähnlich war es damals wirklich. Mit 11 bin ich dann in den
Judoverein eingetreten. Das war in Halle/Neustadt. Ich war fünf Jahre lang dabei – mit
Wettkämpfen und allen drumherum. Aber ich hatte kein Vertrauen.
Warst du mit 16 Jahren einfach noch zu jung?
Zu jung war ich nicht. Ich konnte das gelernte auf der Strasse nicht anwenden. Andere
können das vielleicht – ich nicht. Das Reversepacken, Kraft ausnutzen, werfen, das klappte
im Training - aber draußen nicht. Andere Sachen haben besser funktioniert. Ich weiß auch nicht weshalb. Ich glaube das
würde bis zum heutigen Tag nicht funktionieren.
Also Schluss mit Kampfsport?
Nein, ich hab darauf mit dem vietnamesischen Kampfsport Vovinam angefangen.
Das hat mir schon sehr viel besser gefallen. Ich habe damals sehr viel abgenommen – wurde
richtig fit. Ich glaube dort habe ich meine Grundschnelligkeit entwickelt.
Die 4000 Jahre alte Kampfsportartart ist bekannt für ihr Motto "Eine harte Hand,
ein gütiges Herz". Was bedeutet das?
Hart war das Training auf jeden Fall. Tiefe Stände, Fauststöße und
Trittkombis. Nach Judo genau das richtige für mich. Ich weiß noch, dass ich damals zur
Weihnachtsfeier als der Schüler mit den besten Fortschritten geehrt wurde. Aber eine
Krankheit und der anstehende Wehrdienst zwangen mich mit dem Kampfsport erst einmal aufzuhören.
Na lass mich raten, ganz ohne ging’s doch auch nicht. Wann hast du wieder mit dem Kampfsport
angefangen?
Richtig geraten. Das war beim BGS. Da habe ich mit dem Ju Jutsu angefangen.
Da habe ich mich auch schnell qualifiziert. Zusätzlich habe an allen möglichen
Selbstverteidigungslehrgängen teilgenommen. Im zweiten Ausbildungsjahr beim
Bundesgrenzschutz in Bad Hersfeld habe ich mich sofort nach einem Club umgeschaut und eine
Wing Tsun Schule gefunden. Da habe ich dann angefangen. WT erschien mir damals sehr effektiv
und überzeugte mich auf Anhieb. Aber schon bald habe ich die Lust verloren.
Warum dass?
Ich hatte keine Motivation mehr. Beim Training herrschte eine Hassathmosphäre,
nicht nur gegenüber anderen Stilen sondern auch untereinander – es fehlte jede Pädagogik.
Mir kam es irgendwie komisch vor: Irgendwie machte jeder sein Ding. War ich zu schnell, war es falsch - übte ich langsam, so
hätte es eine schnelle Anwendung sein müssen. Man hatte nicht das Gefühl, gemeinsam
etwas erreichen zu wollen. Das war damals so, das kann jetzt ganz anders aussehen.
An was denkst du, wenn du von einer Hassathmosphäre gegenüber Anderen sprichst?
Na ja, wenn ich alle Kampfkünstler auf der Welt zusammennehme, dann sind
sie alle eine große Familie. Und wenn die Schwester keine Gelegenheit auslässt sich
über ihren Bruder zu stellen und ihn ständig mit abfälligen Bemerkungen
diskreditiert – dann ist die ganze Harmonie im Eimer. Familienstreit, Scheidung. Das läuft
in der Kampfkunst-Welt nicht anders.
Klar, das Training muss einen persönlich weiterbringen. Aber in deiner Berufsausbildung
zum Grenzschützer hast du ja parallel Erfahrungen im Ju Jutsu sammeln können, oder?
Ja, im Ju Jutsu hatte ich dann die Möglichkeit, an Wettkämpfen
teilzunehmen. Bei einem Wettkampftraining zur Vorbereitung auf die deutsche Polizeimeisterschaft
bin ich jedoch derartig an einer Matte hängen geblieben, dass ich mir einen tiefen Riss
in der Fußzehe zugezogen habe.
Das war’s dann wohl mit dem Deutschen Polizeimeister.
Ja und auch mit dem Ju Jutsu. 4 Jahre lang kämpfte ich mit meiner
Verletzung. Für mich hieß dass Sendepause - untätiges Rumsitzen.
Und das kann niemand leiden. Vor allem nicht ein so aktiver Sportler, wie du. Es klingt so,
wie wenn du immer etwas gesucht hast, was dich Kampfmäßig voll ausfüllt - du
es aber nicht gefunden hast. Hast du dann aufgegeben und die Handschuhe an den Nagel gehängt?
Natürlich nicht. Ich konnte nie die Hände in den Schoß legen.
Aber dann wurde es ja es erst interessant. Durch einen dummen Zufall sparrte ich ein paar
Male mit ein paar Leuten von den Luftlandetruppen. Da war einer dabei – der hatte es wirklich
drauf. Straßenerfahrung und 8 Jahre Boxen. Er war über 50 – dem machte keiner so
schnell etwas vor. Wir haben uns gut verstanden und wir haben miteinander trainiert. Mann,
der hatte wirklich was auf dem Kasten.
Trotz seines Alters hat er dich beeindruckt?
Das Alter spielt keine Rolle. Nur die Reaktion, Herz und im richtigen
Moment richtig zu reagieren. Das konnte er. Als alter Hase wusste er wovon er redete. Und er
wusste, auch was ich suchte. Eines Tages legte er mir einen Zeitungsschnipsel hin - ohne
Kommentar. Nur das Stück Papier. Sonst nichts.
Wie ist das zu verstehen? Einen Zeitungsschnipsel brachte dich zum Nug Mui?
Ja, der Zeitungsartikel, der dort in unserer Schule hängt.
Es gibt viele Gründe Kampfsport zu betreiben. Erzähle uns bitte, warum Du hier beim Nug Mui
angefangen hast. Was hast du dir nach deinen ersten Probestunden gedacht?
Ich fand alles gut. Ich hatte nette Trainingspartner, den passenden
Lehrer und eine ganz tolle Trainingsatmosphäre. Ich bin davon überzeugt,
dass mir nichts Besseres hätte passieren können. Schon als Anfänger habe ich
gleich gemerkt, dass Nug Mui was für die Strasse ist. Außerdem waren meine
fortgeschrittenen Mitschüler sehr nett und haben uns Tipps gegeben, genau wie der
Trainer. Es wurde auch mal gelacht und es gehört auch dazu, dass auch mal ne Lippe
offen ist. Ich benötigte etwas Zeit, um mich an die Härte zu gewöhnen. Aber
es hat nicht lange gedauert bis ich mit Leib und Seele dabei war.
Das kommt von Herzen. Hast du Kampfsport-Vorbilder?
Ja, Bruce Lee. Wenn man seine katzenartigen Bewegungen sieht denkt man,
wow ist der schnell. Er war ein exzellenter Techniker.
Hat das außergewöhnliche Hobby Nug Mui deinen Alltag schon irgendwie verändert?
Auf jeden Fall. Wenn man so etwas wie Nug Mui am eigenen Leib erfährt,
wird man zu einem anderen Menschen. Ganz speziell hat sich mein Selbstvertrauen
verändert. Mit Nug Mui kann ich draußen wirklich was anfangen. Inzwischen gehe
ich durch Halle mit einem inneren „Was wollt ihr mir denn?“ - Gefühl. Ich bin im Grunde
genommen ein ganz anderer Mensch geworden. Genau gesagt kann ich jetzt mein Leben besser
genießen.
Häufig hört man, Kampfsport würde Körper und Geist bilden. Gilt das auch heute im Zeitalter des
Pay TV und Mc Donalds noch?
Für mich ganz bestimmt. Gerade nach dem Training merke ich, wie ich
optimistisch und ausgeglichen in Harmonie lebe. Ich weiß ich kann was wegstecken - aber
auch austeilen. Früher war ich oft schlecht drauf und habe dann einfach zugehauen. Aber ich habe mich geändert.
Jetzt bin ich ausgeglichener. Wenn eine Schlägerei droht, gehe ich ihr aus dem Weg.
Offenbar hast du so manche Erfahrung mit Streithähnen. Was glaubst du ganz allgemein.
Was eigentlich treibt die Menschen, sich wider besseres Wissen immer aufs Neue in den
Kneipenkampf?
Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin des Öfteren in einem
Tanzlokal in Halle gewesen. Da gibt’s eigentlich immer Stress. Inzwischen gehe ich dem aus
dem Weg. Aber das geht natürlich nicht bei jedem. Neulich hat mich einer angegriffen.
Von dem habe ich einige Schläge abgewehrt. Drei oben – drei unten. Dann habe ich ihn
weggeschubst. Fertig, aus. Das ging blitzschnell. Da haben mir meine Reflexe
entscheidend geholfen.
Stimmt. Viele unterschätzen die Schnelligkeit, in der ein Streit eskaliert. Worauf kommt es an?
Das entscheidende ist in solchen Momenten, dass jemand vor dir steht, der
dir dein Nasenbein brechen will. Von Null auf Hundert. Derartig Typen kennen kein pardon –
die schlagen einfach zu. Spätestens im Krankenhaus weißt du´s dann. Für mich
persönlich ist der entscheidende Punkt, dass ich so was nicht mehr selber anfange sondern
ruhig bleibe. Am Tresen wollte beispielsweise mir mal einer gegen den Kehlkopf boxen. Es
entwickelte sich ein kurzes Handgemenge. Ganz automatisch habe ich seine erste Faust mit der Hand
und seine zweite Hand mit Bong abgewehrt und mit der anderen gefesselt. Und das obwohl ich
die Technik damals noch gar nicht gelernt hatte. Ich habe es einfach
gefühlt. Nug Mui liegt mir im Blut. Und mit dem Typen habe ich übrigens dann noch
ein Bier getrunken. Das hätte es bei mir früher nie gegeben.
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