Nug Mui  
Philosophie
 
Nug Mui als umfassende Kampfkunst

Wer Nug Mui erlernt, sollte unablässig ein Ziel anstreben: Alle Angriffe so effektiv wie möglich abwehren zu können und in jeder Lebenslage den Konflikten, die sich ihm stellen, gewachsen zu sein. Wer sich allerdings hiermit beschäftigt, gelangt schnell zu der Erkenntnis, dass er in den verschiedensten Situationen mit den unterschiedlichsten Nuancierungen von Angriffen und Konflikten bedroht werden kann. Selbst diejenigen, die zu Beginn noch denken, dass sie mit den im Training gelernten Handlungsmodellen allen Angriffen gefeit sind, sehen nach wenigen Partnerübungen, dass dem nicht so ist. Viel mehr erscheint es illusorisch, dass mit einer Bewegung, wie dem Pak Sao, gar alle Angriffe geblockt werden können.

Konfuzianismus

Denn nur eine verschwindend geringe Anzahl an Angriffen kann diese Bewegung blockieren. Das Selbe gilt für die Abwehr von Griffen, die dem Nug Mui Schüler bereits beim Erlernen des ersten Schülergrad Programms – neben den Standard Reaktionen – ermöglichen soll, sich gegen Bedrohungen zur Wehr zu setzen.

Buddhismus


Denn auch deren Abwehr funktioniert nur in einzelnen Situationen. Doch erlernt der Schüler die passenden Abwehrhaltung für diejenigen Situationen, die statistisch gesehen am häufigsten auftreten, und am deutlichsten analysierbar sind. Ziel ist es in erster Linie dem Schüler zu verdeutlichen, dass er dazu fähig ist sich eigenständig zu verteidigen. Die Techniken dienen als Metapher hierzu.

Doch steht der Schüler immer noch vor dem Problem, dass er mit den erlernten Techniken nicht alle Angriffe und Konflikte abwehren und lösen kann. Dass in den Unterrichtseinheiten für jeden erdenkbaren Angriff eine spezielle Abwehr trainiert wird ist allerdings schwer und – denkbarerweise - kaum realisierbar. Glücklicherweise ist es auch gar nicht nötig. Denn so, wie die trainierten Techniken als Metapher zeigen, dass sich der Schüler selbst zur Wehr setzen kann, so haben sie in ihrer Metaphorik auch eine Kehrseite.

Denn alle Konflikte haben Gemeinsamkeiten. Welche das sind erlernt der Nug Mui Schüler Stück für Stück. Ebenso, wie er lernt die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten einzuschätzen und der jeweiligen Situation anzupassen. So werden Schläge nicht geblockt, indem man so hart als möglich zum Gegenschlag ansetzt. Mit dem Bong Sao (schwingender Arm) zum Beispiel nimmt der Nug Mui Schüler den Angriff des Kontrahenten auf, stemmt sich allerdings nicht gegen die Kraft, sondern wendet sich aus der Stossrichtung des Angriffes.

Konfuzianismus

Die buddhistische Nonne Nug Mui hat der Sage nach beobachtet, wie ein Kranich mit dieser Bewegung einen angreifenden Fuchs Stunden lang bei der Verteidigung seines Nestes in Atem gehalten und letztlich zur Ermüdung gebracht hat. Auch Griffe werden nicht gelöst, indem man sich so wild als möglich losreißt. Sondern man macht sich Naturgesetze zu nutze. Man passt sich an oder weicht aus und schubst den Angreifer in die Richtung, in die sein Schlag ohnehin ging, um so die effizienteste und durchschlagendste Wirkung zu erzielen. Man nutzt die Funktionsweisen der Gelenke, um dem Gegner dessen Griff zum Verhängnis werden zu lassen.


So dient eine erlernte Abwehrbewegung als Metapher für die verschiedensten Möglichkeiten, Konflikte zu lösen. Nach und nach weiß der Schüler die erlernten Prinzipien zu verfolgen, ohne sich eine Unmenge an Abwehrhaltungen und Reflexen einprägen zu müssen. Zusätzlich können die Bewegungsmuster, die man sich unbewusst zur Abwehr von Angriffen antrainiert hat, als Metapher für die eigene Lebenshaltung und Einstellung gesehen werden. Als ein Hinweis auf die Weise wie man in anderen Situationen mit der Welt umgeht, wie man welche Einflüsse interpretiert und wie man Konflikte löst. Dieses Wissen zu vervollständigen ist also das Ziel, dass der Nug Mui Schüler verfolgt, um so allen Angriffen und Konflikten gewachsen zu sein.

Die hierbei beobachtbaren Naturgesetze können nach und nach auf verbale und soziale Konflikte projiziert werden. Anstatt, dass der Schüler bei Bedrängung blockiert und nur noch in eine Richtung denkt, soll er lernen, seine Möglichkeiten zu kennen und einzuschätzen. Er soll lernen nach dem Daoistischen Prinzip mit der Welt in Einklang zu sein und seinen Zielen tatsächlich effizient zu folgen, anstatt zu viel Kraft in die falsche Richtung zu lenken.

Grundsätzlich gilt also: Die Bewegungen sind Metaphern für die Technik und für das philosophische Fundament des Nug Mui, für die eigene Haltung und für mögliche Konflikte sowie deren Lösungen.

Paul Stadelhofer